La Rochelle ist ein Highlight, nicht zuletzt, weil es die Erinnerung an meinen Opa belebt, dem Roland, nebenbei bemerkt, nicht unähnlich ist. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges geriet mein Opa hier in Kriegsgefangenschaft, wurde jedoch gut behandelt und pflegte nach Kriegsende eine „Kriegskameradschaft“ zwischen ehemaligen französischen und deutschen Soldaten. Frankreich wurde neben und mit meiner Oma zu seiner Leidenschaft, denn dorthin entführte er meine Oma, um sie heiraten zu können, da ihre Eltern der Heirat nicht zustimmen wollten. So verbrachte das junge Paar einige Jahre in Frankreich und verdingte sich als Gärtner, Chauffeur und Köchin in herrschaftlichen Häusern. Auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland blieb Frankreich ein beliebtes Ziel für Reisen und Ausflüge. Mein Opa gründete eine Städtepartnerschaft zwischen Kappelrodeck und dem elsässischen Rosheim, hielt engen Kontakt zum Bürgermeister in La Rochelle und wurde als Rentner schließlich zum Reiseleiter, indem er Reisen nach Frankreich, darunter auch immer wieder nach La Rochelle organisierte. Auf einer dieser Reisen traf ich ihn vor langer Zeit für einen Tag in La Rochelle und durfte ihn dort in seinem Element erleben.
Diese Erinnerungen erzähle ich Roland und stecke ihn mit meiner Begeisterung an. Für ihn ist es zunächst ein Foto El Dorado, mit seinem malerischen Hafen, dem ikonischen Uhrenturm und den schönen Altstadtgassen. Ja, die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. La Rochelle ist noch immer schön, eher entspannt und etwas gediegen. Sogar ein Café im Belle Epoque Stil ist noch übrig geblieben, in dem sich ganz mondän ein Café au lait oder auch ein Cappuccino schlürfen lässt.
Kulinarisch bleiben hier keine Wünsche offen. Am ersten Abend landen wir gleich in der Kultbar „La Cave de la Guignette“. Es handelt sich um eine ehemalige Schmiede mit rustikalem Charme aus dem Jahre 1933. Hier probieren wir die gleichnamige „Guignette“, ein auf Weißwein basierendes, mit natürlichen Fruchtaromen versetztes Getränk, das je nach Fruchtsorte sehr farbenfroh daherkommt. Mit dem Essen halten wir es einfach und dinieren im „Petit Bleu“, einem Bootsimbiss am Hafen Oktopus, Sardinenfilets und Muscheln, quasi auf die Hand. Gegessen wird (leider) aus Plastikgeschirr an Klapptischen, aber das Essen ist hervorragend, sehr preisgünstig und ohne Chichi, einfach nur Frisches aus dem Meer. Besonders nett ist, dass wir mit den Gästen am Nebentisch ins Gespräch kommen, uns bald sehr angeregt unterhalten und schließlich Adressen austauschen. Die Beiden sind in den Perigord ausgewanderte Schweizer und laden uns ein, bei nächster Gelegenheit in ihrem Ferienhaus Urlaub zu machen.
Nach diesem gelungenen Auftakt folgen weitere grandiose Erlebnisse. Am nächsten Tag kaufen wir auf dem Markt ein – sogar einen Stand mit Biogemüse und -obst gibt es – und probieren die ersten Austern auf dieser Reise. Es geht recht rustikal zu. Die Austern gibt es im Stehen, aber sie werden frisch vor unseren Augen geöffnet. Immerhin ergattern wir noch einen der umkämpften Stehtische. Schließlich kaufen wir noch eine großzügige Portion Fisch, die wir abends in unserer gemütlichen Unterkunft genießen. Vorher gönnen wir uns noch einen Pineau auf der Terrasse de la Chaîne, einer Bar in einem der markanten Türme am Hafen. Dieser Aperitif lässt mich ganz besonders an meine Großeltern denken. Bei ihnen lernte ich den Pineau kennen, der außerhalb der Charente kaum bekannt ist. Dabei ist es ein durchaus süffiges, dem Porto ähnliches Getränk, das aus Cognac und Traubensaft hergestellt wird. Bei Roland findet es jedenfalls Anklang.
Unsere Unterkunft ist ein kleines Reihenhaus, in einer Siedlung außerhalb des Zentrums. Auch hier ist die Zeit stehengeblieben. Das Häuschen und die Einrichtung sind in die Jahre gekommen, aber es ist alles da, man muss nur lange genug danach suchen und es ist wirklich gemütlich. Die Vermieterin ist die Herzlichkeit in Person und ganz entzückt, als ich ihr in meinem rudimentären Französisch von meinem Opa erzähle, von dem sie dann unbedingt ein Bild sehen will und sich offensichtlich auch noch an den befreundeten Bürgermeister erinnert.
An einem anderen Tag zieht es uns wieder zum Markt. Erstens wollen wir das Austernerlebnis wiederholen und stellen fest, es gibt noch eine Steigerung. Diesmal ist es ein anderer Stand, die Austern sind noch besser und das Ambiente entspannter, da kein großer Markttag ist und demzufolge weniger Trubel herrscht. Zweitens wollen wir uns an der Zubereitung von Rochenflügel versuchen, den wir frisch am Markt kaufen. Rochenflügel mit Kapernsauce ist hier eine Spezialität. Dank Google finden wir schnell ein Rezept, mit dem uns das Unterfangen erstaunlich gut gelingt und abends beim Diner fühlen wir uns schon recht heimisch.
Doch halt, vor diesem Tag findet noch ein anderes wichtiges Ereignis statt: Wir feiern Rolands Geburtstag mit einer Radltour auf der Île de Ré und dieser besondere Tag ist nahezu perfekt. Das Wetter könnte besser nicht sein. Wir fahren mit dem Auto zu einem Parkplatz direkt an der Brücke, die auf die Insel führt und holen dort die reservierten Fahrräder ab. Es sind gut gewartete Mountainbikes und schon sind wir unterwegs. Allein über die drei Kilometer lange Brücke zu radeln ist ein Erlebnis und erfordert etwas Ausdauer und Muskelkraft. Dann erradeln wir auf perfekt ausgebauten Fahrradwegen die Insel, die durch Wiesen, Felder und an der Küste entlang führen. Besonders freuen wir uns über die Verbotsschilder für Autos an den Straßen, unter denen steht, dass das Verbot für Fahrräder nicht gilt „sauf velo“. Überhaupt ist überall deutlich sicht- und spürbar, dass es sich um eine Fahrradnation handelt. Sowohl in Städten oder Dörfern, als auch auf den Landstraßen begegnen uns Radler jeden Alters, meist im Trikot und auf einem stattlichen Rennrad.
Auf der Île de Ré radelt es sich allerdings eher gemütlich – noch. Ein Mittagsstopp mit Austern und Miesmuscheln ist obligatorisch. Dafür finden wir eine Austernhütte in La Flotte, direkt am Meer und schwelgen im Meeresfrüchtegenuss. Es folgt ein sensationell guter Carrot Cake in Saint-Martin-de-Ré, den wir an einem kleinen Stand kaufen und dann genüsslich auf der Kaimauer am Hafen sitzend verspeisen. Dann radeln wir weiter an der Küste entlang durch Salzfelder bis fast zum anderen Ende der Insel. Dort angekommen ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Mit Erschrecken stellen wir fest, dass wir laut Google ca. 90 Minuten für den Rückweg brauchen, wir aber in einer guten Stunde die Fahrräder abgeben müssen. Also schwingen wir uns auf die Stahlrösser, strampeln mit einem Schnitt von 20 km/h zurück und halten buchstäblich mit quietschenden Reifen kurz vor Toresschluss vor dem Fahrradverleih. Der Ausflug endet also weniger entspannt als gedacht, aber dafür mit einer sportlichen Höchstleistung, auf die wir einigermaßen stolz sind, sobald sich der Puls wieder etwas beruhigt hat – zumindest, was mich betrifft. Für Roland war das natürlich ein Klax. Er hat mich sogar noch beim steilen Anstieg auf der Brücke gezogen.
Ja, in La Rochelle würden wir es noch ein Weilchen aushalten, aber die Reise geht weiter nach Arcachon und schon auf dem Weg dorthin folgt das nächste Highlight. Wir halten in einem kleinen Ort, in dem es eine Reihe Austernhütten gibt, in denen nur die Austern, die vor Ort aus dem Meer geholt werden, verkauft werden dürfen. Ein paar frische Austern, ein Glas gut gekühlter Weißwein und ein Platz am Meer… Warum wollte Gott doch gleich nach Frankreich?
Nach diesem Hochgenuss checken wir in Arcachon ein, wo wir nur einen kurzen Aufenthalt haben. Immerhin haben wir hier Fahrräder mit unserem Apartment inklusive. Diese sind zwar lange nicht so gut wie die Mountainbikes auf der Île de Ré, aber um zu den berühmten Dünen von Pilat zu fahren reicht es allemal. Hier steigen wir auf den beeindruckenden Sandberg und können uns kaum sattsehen an der Landschaft aus dunkelgrünem Wald, gelbem Sand und blauem Meer.
Abends probieren wir Oktopus in einem Lokal, sind allerdings ob der kleinen Portion etwas enttäuscht. Dafür macht das Gericht optisch und geschmacklich durchaus etwas her.
Insgesamt sind wir von der Essenssituation in den französischen Lokalen eher positiv überrascht. Mittlerweile muss man kaum noch ein ganzes Menü bestellen. Stattdessen sind fast überall auch einzelne Gerichte oder sogar welche zum Teilen im Tapasstil erhältlich, was Geldbeutel und Waage schont.
Überhaupt war es bis hierher ein ausgesprochen angenehmes Reisen. Wir haben nur freundliche und höfliche Menschen getroffen. Jeder und jedem geht ein gut gelauntes „Bon jour“ über die Lippen, wenn man sich begegnet. Auch im Straßenverkehr verhält man sich überwiegend rücksichtsvoll. Sehr auffällig sind die vielen kleinen Autos der Marken Fiat Topolino und Citroën Ami. Mit ihren 45 km/h Höchstgeschwindigkeit flitzen sie wendig und geschmeidig durch die Städte und Ortschaften.
Nun sind wir sehr gespannt, wie es sich in Nordspanien verhält.







































Sehr schöner Bericht, macht Lust, sofort dorthin aufzubrechen…
(Bin Stefan´s Bruder)
Einfach wunderbar, die Bilder und der Reisebericht! Auch der französische Roland mit dem Weinglas sieht sehr echt aus!
Danke für die wunderschönen Fotos und den berührenden und appetitanregenden Text.
Teil zwei wieder toll, die Düne ist unglaublich🤩